Tag 6: Le Havre, Honfleur und die Flucht aufs Land

Skaterpark Le Havre

Es gibt so Tage … Diese Etappe zeigte uns die Schattenseiten des Camping-Urlaubs, bzw. die Lage, wenn weitere Hunderte Touristen das ähnliche Ziel haben. Oder war es einfach nur Pech, weil es Sonntag war? Wir waren genervt und frustriert. Aber es gab ein Happy End auf dem Land, dazu später mehr. Jetzt mal von vorne an.

Wir sind immer noch voll Freude über den gestrigen Tag überhalb der Klippen von Etretat, als wir ziemlich spät aufwachen und uns ans Frühstück machen. Dank an der Rezeption vorbestelltem Baguette gibt es frisches, französisches Weißmehl-Feeling zum Frühstück. Wir nutzen die Anlagen des Campingplatzes zum Ver- und Entsorgen und machen uns auf den Weg zurück in Richtung Etretat. Wir wollen nämlich noch einen kurzen Abstecher in die Stadt machen und die Klippen auch mal von unten sehen.

Verkehrschaos Nummer eins

Stau in Etretat
Stau in Etretat

Nach einer guten Viertelstunde erreichen wir den Stadtrand von Etretat. Es ist Sonntag und wir merken schon an der Hauptstraße am Ortsanfang den merklich zunehmenden Verkehr. Und schon bald stehen wir ganz im Stau. Jetzt macht das ja prinzipiell nichts, auch mal kurz im Stau zu stehen, aber wir suchen ja einen Parkplatz halbwegs in der Innenstadt, um einen kurzen Abstecher zu Fuß zu machen. So wie es auf den Straßen aussieht, geht es aber auch bei den Parkplätzen zu. Zusammen mit den sehr engen Straßen, die zusätzlich noch mit Autos links und rechts zugeparkt sind, steigt so langsam mein Puls. Wir fahren zweimal die Hauptstraße hin und zurück bis wir genervt aufgeben und entscheiden, dass wir weiterfahren. Etwas schade zwar, lohnt sich die Bucht doch bestimmt für einen Ausflug. Auch die Anhöhe östlich der Bucht an der Chapelle Notre Dame de la Garde mit dem Denkmal für das „Oiseau Blanc“ lassen wir links liegen. Ein Fehler, den wir hinterher etwas bereuen.

L’Oiseau Blanc

Schlaui Womi

EtretatAuf der östlichen Klippe von Etretat befindet sich neben der Kapelle ein großes Denkmal in Form einer Pfeilspitze und einer Flugzeug-Silouette am Boden. Es erinnert an die Herren Charles Nungesser und François Coli, die mit ihrem Doppeldecker-Flugzeug namens „Oiseau Blanc“ (Weißer Vogel) im Jahr 1927 knapp zwei Wochen vor dem bekannten Charles Lindbergh versucht haben, den Atlantik zu überqueren. Leider ohne Erfolg, das Flugzeug wurde eben dort von den Klippen in Etretat aus zum letzten Mal gesichtet.

Liest man ein wenig weiter über dieses Thema, stößt man auf interessante Infos, bis hin zu Verschwörungstheorien. Angeblich soll der Weiße Vogel nämlich doch die Amerikanische Küste erreicht haben und dann dort abgestürzt sein. Trümmer wurden bisher nicht gefunden, aber Aufzeichnungen von Zeugenaussagen über im Wasser treibende, weiße Tragflächen und das Geräusch eines abstürzenden Flugzeugs. Wen es interessiert: Neue Zweifel an Lindberghs Pionierleistung, Artikel der „Welt“.

 

Kartoffelautomat
Kartoffelautomat

Die große Hafenstadt Le Havre

Nachdem wir dem Stau entkommen waren, führte uns die Hauptstraße relativ unspektakulär weiter in Richtung Süd-West. Wir machen einen kurzen Zwischenstopp, als wir eine kleine Kuriosität entdecken: einen Kartoffelautomaten. Sehr witzig. Wir wollten das dann tatsächlich ausprobieren, aber leider war er defekt. Nicht lange später erreichen wir das Ortsschild von Le Havre. Sie ist die größte Stadt der Normandie und nach Marseille der zweitgrößte Hafen Frankreichs. Daher fahren wir dahin und wollen das Feeling auf uns wirken lassen.

Besonders spannend finden wir die Stadt an sich nicht. Wir schaffen es, ohne größere Staus den Hafen zu erreichen und finden tatsächlich einen Parkplatz am Straßenrand direkt an der Hafenpromenade. Wir spazieren zur besagten Promenade und nehmen die Stimmung auf. Das Wetter ist grau und unsympathisch, genau wie der viele Beton und Kies, den man überall sieht. Einige Menschen tun das gleiche wie wir, und spazieren mit Blick auf den Kiesstrand. Einige Verkaufsbuden und Restaurants befinden sich direkt an der Promenade und locken mit Ihren Speisekarten. Wir lassen uns hinreißen und bestellen Crèpes an einem Kiosk. Nun ja, die fertigen Pappe-ähnlichen Rohlinge aus der Packung hätten wir uns dann lieber auch erspart. Das hätten wir im Womi auch selbst und sicher besser hinbekommen.

An der Skater-Anlage bleiben wir doch länger stehen und beobachten voller Bewunderung die Kiddies mit ihren Bikes und Scootern bei ihren Kunststückchen. Sehr cool, dass die Stadt so eine große Anlage zur Verfügung stellt. Ansonsten sieht man nur ein verwaistes Kinderkarussell und im Hintergrund die grauen Fassaden der Häuser. Und natürlich die großen Cargo-Schiffe vor der Küste, die zum Entladen oder Beladen den Hafen ansteuern.

 

Die Architektur von Le Havre

Schlaui WomiSt Joseph Le HavreDer Eindruck von Le Havre passt zum Wetter: grau in grau. Die Stadt wurde 1944 durch Bombenangriffe stark zerstört und nach dem Krieg nach den Plänen des Architekturbüros Auguste Perret in Stile „moderner Betonarchitektur“ wieder aufgebaut. Dieses Stadtensemble wurde tatsächlich in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen. Beim Durchfahren der Stadt fällt uns auch die komplett aus Beton gebaute Kirche St. Joseph auf. Für mich persönlich wirkt diese wie eine Mischung aus Empire State Building und Filmkulisse. Selbst durchaus an Architektur interessiert, kann ich mich nicht entscheiden, ob mir diese gefällt oder nicht. Den Stil bezeichnet man als „Brutalismus“. Aber Vorsicht: unser Adjektiv „brutal“ hat damit wenig zu tun, schon mehr das französische Wort „brut“, auf deutsch „roh“. Es bezieht sich auf die Rohheit der Werkstoffe, hier der Sichtbeton.

Mit erneut nassen Hosenbeinen durch einen Besuch an der Wasserkante gehen wir zurück zum Womi und machen uns auf weiter in Richtung Westen.

Pont de Normandie

Direkt südlich von Le Havre kommen wir an eine signifikaten Stelle der Kanalküste: die Seine-Mündung. Ihr wisst schon, der Fluss in Paris. Die Mündung teilt die Normandie in die Haute-Normandie und Basse-Normandie (Ober… und Unter…). Über das Mündungsgebiet führt eine sehr große Brücke, die Pont de Normandie. Sie ist eine Schrägseilbrücke und mit 856 Metern die Brücke mit der längsten Stützweite Europas. Die Brücke selbst ist mautpflichtig, wir bezahlen als Fahrzeug der „Classe 2“ gute 6 €, wenn ich mich richtig erinnere. Auf der Nordseite gibt es einen großen Parkplatz und ein Besucherzentrum, wie man auf amerikanisch sagen würde. Wir machen dort ein wenig Pause und laufen ein wenig auf den Treppen spazieren, von denen man nicht nur die Mautstation an sich sondern auch die Umgebung gut sehen kann.

 

 

Der Bucht gegenüber liegt Honfleur, ein kleines Städtchen, das uns im Reiseführer groß angepriesen wurde. Anscheinend ist es tatsächlich *der* Touristentipp überhaupt für diese Gegend, nämlich als wir hineinfahren, ist sofort klar, dass viele außer uns diese Idee hatten.

Honfleur – Verkehrschaos Nummer 2

Wir haben Pech, als wir an einem Steakhaus zuerst zweimal umdrehen, um dort zu parken, um danach drinnen gesagt zu bekommen, dass wir leider zu spät sind fürs Essen. Ok, es war 15 Uhr, aber das hatten wir jetzt nicht gedacht. Also sind wir weiter und standen kurz darauf fatal im Stau. Und zwar so richtig mit Motor aus. Grund dafür war die kleine, schmale Hebebrücke im Dorfzentrum, die hochgehoben wurde, um mehrere Schifflein vom Außenhafen in den Innenhafen durchzulassen und umgekehrt. Dazu kommen – als es nach endlosen 20 Minuten wieder weitergeht – Dutzende Autos, die sich mit uns durch die enge Innenstand quetschen.

Vom romantischen Stadtkern bekommen wir nicht viel mit. Wir hatten, nicht zuletzt wegen des Tipps im Reiseführer, den angepriesenen Wohnmobil-Stellplatz am Stadtrand angesteuert. Als wir dort ankamen, sahen wir das Ausmaß: von den gefühlt 300 Stellplätzen auf Schotterflächen waren 298 bereits besetzt. Es reihte sich ein Mobil der Weißen Ware an das andere. Kuschelcamping pur. Der riesige Ausstellungsplatz des Campinghändlers „Freistaat“ nahe München ist ein kleiner Vorplatz dagegen. Nein, das ist absolut nichts für uns und wir ergreifen sofort die Flucht.

 

Menschenmassen in Deauville und Trouville

Unsere Fahrt ging also weiter, denn es sollte ja eine schöne Ecke sein mit netten Städtchen. Auf engen Straßen schlängeln wir uns mit Womi durch das Küstenvorland und suchen weiter nach einem kleinen Parkplatz für uns als Pause. Wir hatten nämlich mittlerweile richtig Hunger. Nach Trouville kamen wir nach Deauville und wurden wieder enttäuscht. Ganz hübsche Städte mit (angeblich) schönen Stränden, aber wir finden einfach keinen Parkplatz. Wir schlängeln uns durch enge Innenstadtgassen, Einbahnstraßen, fahren im Kreis und werden nicht fündig. Dazu kommt, dass in Deauville wegen eines Triathlons die halbe Stadt gesperrt ist und ansonsten alles zugeparkt ist, wohl auch von den Teilnehmern und Fans.

Mit steigendem Puls ergreifen wir erneut die Flucht. Genervt von tausenden Menschen mit Autos und super engen Straßen ohne Haltemöglichkeit drehen wir ab in Richtung Landesinnere und müssen noch ein paar Umleitungen in Kauf nehmen. In Dozulé, einem kleinen Dorf in der Nähe der Autoroute A13 de Normandie halten wir das erste Mal an diesem Tag auf einem Schulparkplatz. Es ist ja Sonntag, und wenigstens da haben wir erstmal Ruhe.

Nachdem wir einen Imbiss aus dem heimischen Küche genossen hatten, fanden wir mithilfe der Stellplatz-App einen gut klingenden Stellplatz in einem Ort nicht weit von hier. Es war langsam Zeit, einen Nachtplatz zu finden.

Aufregender Tag mit Happy End und schönem Stellplatz in der Natur

Nach all den Strapazen des Tages folgte nun das Happy-End des Tages. In Beuvron-en-Auge waren wir angenehm überrascht über den Stellplatz am alten Bahnhof. Eine sehr gute Wahl. Mitten in der Pampa, von Natur umrahmt, in Laufweite des „Zentrums“ eines mittelalterlichen Fachwerkdorfes. Und wie bestellt begrüßte uns die Sonne und belohnte unsere Mühen der Anreise mit einem traumhaften Sonnenuntergang.
Nach einem Spaziergang durch das malerische Dorf verbrachten wir den Abend dann gemütlich mit selbstgekochtem Essen im Wohnmobil, denn die eigentlich sehr einladend aussehenden Restaurants im Dorf hatten abends leider geschlossen. Vermutlich ist während der Vorsaison zu wenig los. Das dachte sich wohl auch der Bäcker, dessen kleine Boulangerie sehr verlockend aussah, am nächsten Morgen aber leider auch noch geschlossen hatte, als Birgit frisches Baguette zum Frühstück kaufen wollte.

 

Erkenntnis des Tages: Fahre nicht am Wochenende zu Touristen-Hotspots.

Habt ihr andere Erfahrungen beim Besuch dieser Ecke der Normandie gemacht? Dann hinterlasst einen Kommentar unter dem Artikel.

Wie es bei der nächsten Etappe weitergeht, erfahrt ihr im nächsten Artikel. Wir blicken in die Geschichte, denn es geht an die Strände der Normandie, die 1944 eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Weiter zu Tag 7: An den Stränden der Normandie

Ähnliche Artikel

Tag 10: Die Korsarenstadt Saint Malo Gefahrene Kilometer gestern: Null. Und wir haben es auch genossen. Der Joker-Tag in Saint-Benoît-des-Ondes war erholsam und entspannend. Der Ausblick und der direkte Zugang zum flachen Strand im Stil des Norddeutschen Wattenmeers hat uns sehr gut gefallen. Und das Essen mit frischen Garnelen war sup...
Tag 14: Die Strände und Buchten der Bretagne Wir haben gestern einen sehr ruhigen Tag verbracht. Nach dem Ausflug nach Roscoff, wo wir wieder mal keinen schönen Parkplatz gefunden haben, war der Rest des Tages und die Nacht sehr ruhig. Der Stellplatz an der Route du Laber war fast vollständig gefüllt und wie zu erwarten hatten wir nicht als Ei...
Tag 13: Über Lannion und Morlaix bis zum Fährhafen Roscoff Es ist ein freudiges Erwachen, als wir auf dem Campingplatz auf der Île Grande die Jalousien runterziehen und den ersten morgendlichen Blick aufs Grün der Umgebung wagen. Ein schöner Ausblick, sind wir doch nur einen Steinwurf von der Wasserlinie der Küste entfernt. Diesen Campingplatz können wir we...
Tag 15: Auf der Halbinsel von Crozon Es ist ein beinahe überkitschiger Abend in traumhafter Kulisse. Von der oberen Etage des Stellplatzes haben wir einen super Blick in Richtung Strand. Nach einem Abendspaziergang in den Sonnenuntergang am Meer verbringen wir eine ruhige Nacht am Stellplatz bei Lampaul-Plouarzel. Das Duschhaus in der ...
Tag 3: Die Opalküste von Dunkerque bis nach Cayeux in der Picardie Nach dem ersten wirklichen Urlaubstag in Nordfrankreich sollte heute also der Weg in eine neue, unbekannte Gegend führen. Die Strecke bis Calais war uns ja wohl bekannt durch unsere Schottland-Fahrten, jetzt ging es an der Küste weiter Richtung Westen. Am Weg nach Süd-Westen Unsere Nacht war immer...

Gefällt dir dieser Artikel?

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne (1 votes, average: 5,00 out of 5)

Hinweis: Wenn Du den Beitrag bewertest, wird eine anonymisierte Version Deiner IP-Adresse zum Schutz vor Mehrfachbewertungen gespeichert. Datenschutzerklärung
Loading...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.